Ich habe euch ja schon ein bisschen über die Flüchtlingsthematik hier bei uns im Dorf erzählt. Auch bei uns im Dorf (300 Einwohner) ist inzwischen die erste von drei geplanten Flüchtlingsfamilien angekommen. Und weil das Thema im Moment nicht nur meinen Kopf, sondern auch meinen Tag ausfüllt, möchte ich euch gerne noch ein bisschen von meinen Eindrücken erzählen. Nicht darüber, was ich von der Flüchtlingspolitik denke, nicht über meine allgemeine politische Meinung, nicht über die Situation irgendwo, auch nicht über alle Flüchtlinge generell. Nur über den Erstkontakt mit "unserer" afghanischen Familie, über die ersten Erfahrungen und Begegnungen hier vor Ort. Mitten auf dem Land im Herzen Bayerns.
Letzte Woche waren sie plötzlich da. Schon aufregend, der Moment, wenn alle Spekulationen, Planungen, Gedanken, Ängste plötzlich Mensch werden und vor einem stehen. Angekommen ist eine Familie aus Afghanistan. Mutter (hochschwanger), Vater, 3 Kinder mit 14, 6 und 2 Jahren. Mit einem Koffer und ein paar Tüten. Durchgefroren. Schüchtern. Froh, endlich angekommen zu sein. Aber auch offen. Höflich. Freundlich. Dankbar für jede Hilfe.
Die Unterkunft: Ein altes Schulhaus mit zwei kleinen Wohnungen. Relativ baufällig und zugig, aber sicher besser als eine Turnhalle. Die bezogene Wohnung: Kleine Küche, Bad, 3 Schlafzimmer. Zwei davon durfte die Familie belegen, in einem stehen 2 Betten, im anderen drei - das dritte, etwas größere Schlafzimmer ist mit drei Betten reserviert für die nächste Familie. Auf jedem Bett liegen die notwendigsten Utensilien. Bettwäsche, Handtuch, Topf und ähnliches. Kein Fernsehen, miserable Datenverbindung. Langeweile wird sicher eines der größten Probleme hier. Eine Freundin, der Leiter des Helferkreises in der Gemeinde und ich versuchen, den Leuten das Wichtigste in der Wohnung zu erklären - und sind erstmal selbst gefordert.
Der Herd funktioniert erstmal nicht, die Waschmaschinentür lässt sich nicht öffnen, die Toilette verliert Wasser. Ein Esstisch fehlt komplett und die Heizung fährt bei der Nachtabsenkung die Temperatur so stark herunter, dass in dem zugigen Gemäuer unter 20 Grad herrschen, die Böden sind eiskalt. Wir versuchen, die Mängel so weit wie möglich zu beheben, bringen Decken, der Hausmeister muss informiert werden. Die Verständigung ist schwierig - die Mutter spricht ein paar wenige Brocken Englisch, ansonsten wird mit Händen und Füßen gearbeitet. Wenn gar nichts mehr geht, schaltet sich telefonisch der Schwager der Mutter mit ein, der relativ gut Englisch spricht, und übersetzt das Nötigste.
Wir werden gefragt, ob wir gern die Patenschaft für das Flüchtlingshaus übernehmen wollen. Wollen wir nicht. Eigentlich. Jede von uns hat Haus, Kinder, Arbeit. Trotzdem sind wir jeden Tag vor Ort, einfach, weil es notwendig ist. Die Eltern können lesen und schreiben, aber leider keine lateinischen Buchstaben - es fällt ihnen entsprechend schwer, an irgendwelche Informationen zu kommen. Buszeiten, Öffnungszeiten, Beförderungsmöglichkeiten - alles spanische (bzw afghanische) Dörfer, wenn man keine lateinischen Buchstaben lesen kann. Der nächste Supermarkt ist drei Kilometer entfernt im nächsten Ort - eigentlich zu Fuß durchaus zu machen (zumindest wenn man nicht hochschwanger ist, ein Zweijähriges Kind dabei hat und der Weg witterungstechnisch einfach sehr vereist ist :P), aber den Weg muss ihnen erst mal jemand zeigen. Bis dahin - Fahrdienst zum Supermarkt.
Die Hilfsbereitschaft im Ort ist riesig. Auch wenn die meisten den persönlichen Kontakt noch scheuen - jeder gibt, was er kann. Ein Esstisch, Tischdecken und Handtücher, Teppiche für den kalten Boden, Vorhänge zum nächtlichen Abdunkeln, Küchenutensilien, Schneeanzüge, ein Kinderwagen, Spielzeug, Kleidung - Alt und Jung ruft an und bietet schnell und unkompliziert Hilfe an. Das ist wundervoll zu sehen und zu erleben. Und unsere afghanische Familie ist so unglaublich dankbar. Die Kinderaugen strahlen, als sie die zusammengestellten Spielzeugtüten auspacken und sich in die Fleecedecken wickeln. Ich glaube, der meistgesagte Satz der Familie ist ein ehrliches "Thank you so much.". Danke. Immer wieder Danke. Die Kinder meiner Freundin ziehen die beiden afghanischen Kleinen ein paar Runden durch den Schnee, als wir gemeinsam den Weg zur Bushaltestelle erkunden. Die Kinder lachen ausgelassen, als sie in den Bobs durch den Schnee schlittern. Und ich denke mir: Doch. Das kann funktionieren.
Im Moment steckt viel Zeit dahinter. Auch einfach, weil alles persönlich geklärt werden muss, weil so vieles noch unklar und ungewohnt ist. Weil sie einfach ohne Sprache und Schrift, ohne Fortbewegungsmöglichkeiten total aufgeschmissen sind in unserem 300-Seelen-Ort am Ende der Welt. Aber sie werden lernen. Sie wollen lernen. Und wenn unsere Asylsuchenden offen sind und die Menschen hier im Ort auch, dann bin ich überzeugt davon, dass das funktionieren wird. Dass sie ihren Platz finden werden. Neben uns. Und mit uns. Auch weil es einfach keine Alternative gibt, im Moment.
Ich werde nachher nochmal vorbeilaufen (der englischsprechende Schwager soll heute zu Besuch kommen), die versprochenen Buszeiten vorbeibringen und nebenher hoffentlich ein paar Infos über den Übersetzer erhalten - was die Familie noch dringend braucht, zuerst einmal. Aber vielleicht auch ein paar persönliche Infos. Wie sie eigentlich hierher gekommen sind. Woher sie genau kommen. Was sie erlebt haben. So viele Fragen spuken durch meinen Kopf - mal sehen, ob ich die ein oder andere beantwortet bekomme.... :D
Begleitet haben meinen Text heute Bilder von der großen Hasentochter und der zweiten "Ginny" von rosarosa, die ich genäht habe (hier geht's zum Ebook: *KLICK*). Aus dem dunkelblauen beflockten Jeans sieht der Faltenrock richtig edel aus, und die Taschen und Knöpfe peppen das Teil nochmal richtig auf. Den unteren Rand habe ich mit einer dunkelblauen Satinpaspel und einem doppelten Streifen Baumwollbatist abgeschlossen, die Wollstulpen passen perfekt darunter. Außerdem gab es aus dem gleichen Stoff noch eine "Resi", mein Lieblings-Farbenmix-Hutschnitt (heißt "Hannes und Resi") und ein großes Tuch aus dem gepunkteten Baumwollbatist, mit dunkelblauer Bommelborte (Schnittmuster aus "Lilli's Kapp-Parade, hier entlang: *KLICK*). Kombiniert ist das Outfit wirklich feiertagstauglich und war bei uns an Weihnachten die Klamotte der Wahl. :D :D
Wie steht es denn bei euch so? Habt ihr auch Flüchtlinge in der Nähe? Habt ihr Kontakt? Erfahrungen? Wie handhabt ihr das so?
Neugierig-hasenwilde Grüße
Johanna








